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Deutsche Kolonien zur Zeit des Kaiserreichs

 

 

 

Bismarcks Kolonialverständnis

 

Im 18. und besonders im 19. Jahrhundert wurden in der deutschen Bevölkerung Stimmen laut, die sich für eine Kolonialpolitik einsetzten, nachdem die entsprechenden Aktivitäten in der Vergangenheit nur in den Köpfen der jeweiligen Herrscher vorhanden gewesen waren.

 

Vor allem die Eroberungszüge Napoleons im ausgehenden 18. und dem frühen 19. Jahrhundert ließen die Menschen aufhorchen. Der französische Kaiser war nicht zimperlich, wenn es darum ging, Gegenstände, ja ganze Bauwerke aus den besetzten (also den eroberten) Gebieten in die Heimat mitzunehmen. Als besonders chic galt es damals bei den Damen der feinen Pariser Gesellschaft, sich einen „Mohren“ zu halten. Die vielen Salons wetteiferten darin, den farbigen Pagen (der letztlich auch zu den Gegenständen zählte) besonders prächtig zu kleiden und damit Eindruck zu machen.

 

Aber auch Prestige für das gesamte Land spielte eine Rolle bei der Forderung nach Kolonien. Sollten sich denn nur die bekannten Seefahrernationen mit Besitztümern in Übersee brüsten können?

 

1882 wurde der Deutsche Kolonialverein gegründet mit dem Ziel, neue Märkte vor allem in Afrika zu erschließen. Auch politische Überlegungen spielten eine Rolle. Außerdem versprach man sich von Kolonien die Möglichkeit, einer drohenden Überbevölkerung in der Heimat entgegenzuwirken. Der Deutsche Kolonialverein schloss sich 1887 mit der Gesellschaft für deutsche Kolonisation zusammen und wurde zur Deutschen Kolonialgesellschaft.

 

Trotz des Drucks, den Reichskanzler Bismarck durch diese Organisationen verspürte, konnte er sich nur schwer zur Gründung von Kolonien durchringen, denn er versprach sich keinerlei wirtschaftliche Vorteile davon, sondern sah im Gegenteil innen- und außenpolitische Schwierigkeiten darin. Letztlich ging er doch in diese Richtung, weil auch die Bevölkerung immer offener ihrem Wunsch nach Kolonien äußerte. Denn er fürchtete um seine Wiederwahl 1884, in deren Vorfeld die Kolonialpolitik eine entscheidende Rolle spielte.

 

Gegen seine eigentliche Überzeugung begann Bismarck in der Mitte der 1880er Jahre damit, Ländereien deutscher Kaufleute in Afrika unter den Schutz des Deutschen Reiches zu stellen. Dabei handelte es sich um die Besitzungen, die später zu echten Kolonien umgewandelt wurden, wie etwa die von Adolf Lüderitz in Deutsch-Südwestafrika  oder das ostafrikanische Gegenstück von Carl Peters. Zu Beginn beabsichtigte Bismarck jedoch lediglich, privaten Organisationen die Verwaltung der jeweiligen Gebiete zu übertragen, wozu er auch den Handel zählte.

 

Seine Ideen waren aber zum Scheitern verurteilt, denn in den deutschen Schutzgebieten war weder eine ausreichend große Finanzdecke vorhanden, mit der Bismarcks Pläne hätten verwirklicht werden können, noch erlaubte es die von Kriminalität beherrschte Gesellschaft dort, dass sich der Staat im Hintergrund halten konnte.

 

Bereits wenige Jahre später benutzte Bismarck die Kolonien nur noch dazu, um in unterschiedlichen Verhandlungen mit konkurrierenden Staaten und dem Ringen um Besitzansprüche „Tauschgüter“, nämlich eben diese Gebiete, in der Hinterhand zu haben.

 

Die deutschen Kolonien unter Kaiser Wilhelm II.

 

Während Bismarck seine Kolonialpolitik eher sachlich und unter Abwägung der Vor- und Nachteile betrieben hatte, schmückte Wilhelm II. seine Aktivitäten regelrecht schwärmerisch aus und traf damit den Nerv der Zeit. Gewiss, auch der Kaiser verfolgte ganz konkrete Ziele. Der mit größtem Einsatz betriebene Auf- und Ausbau seiner Marine zu einer der bedeutendsten Flotten diente in erster Linie dazu, den lange verhassten Engländern endlich die Stirn bieten zu können.

 

Aber auch den kolonialen Gedanken verfolgte der Kaiser sehr nachhaltig. Er wusste zwar, dass der größte Teil der Neuen Welt bereits unter den großen Mächten aufgeteilt war, aber mit seinen bestens ausgestatteten Schiffen konnte er immerhin noch kleinere Gebiete im Mittel- und Südpazifik für das Deutsche Reich gewinnen. Daneben wollte er im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen bedeutende Kolonien für sich erobern.

 

Wilhelm II. verstand es ausgezeichnet, die Forderung nach nationalem Prestige in der Bevölkerung zu verankern und zu festigen. Um der Begeisterung für den Kolonialismus auch eine reelle Basis zu verschaffen, gründete er 1898 in Witzenhausen die deutsche Kolonialschule, an der die Menschen landwirtschaftlich ausgebildet und auf ihre Siedlerzeit in den Tropen vorbereitet wurden.

 

In der ersten Phase der Herrschaft Wilhelms II. zeigte sich, dass die Kolonialherren nicht nur wenig zimperlich, sondern sogar äußerst brutal und Menschen verachtend, ja kriminell mit den Einheimischen umgingen Als in negativer Hinsicht herausragende Beispiele dafür gelten die Aufstände in Deutsch-Südwest- und in Deutsch-Ostafrika, bei denen der größte Teil der Afrikaner ums Leben kam.

 

Die Kunde vom grausamen Vorgehen der Deutschen blieb auch im Mutterland nicht unbeachtet. Der Reichstag lehnte eine weitere finanzielle Unterstützung der Kolonialpolitik ab und wurde aufgelöst. Die Neuwahlen 1907 bewirkten immerhin, dass den Einheimischen eine bessere medizinische Versorgung zuteil wurde. Außerdem sollte die Prügelstrafe, wenn schon nicht völlig abgeschafft, so doch zumindest gemildert werden.

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Aktualisiert (Dienstag, den 04. Januar 2011 um 19:50 Uhr)

 
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