Deutsch-Südwestafrika
Das heutige Namibia war das erste Gebiet, in dem es eine Kolonie des deutschen Kaiserreichs gab. Damals lebten ca. 200.000 Afrikaner dort, an denen die 80.000 Hereros den größten Anteil hatten. Der Bremer Großkaufmann Adolf Lüderitz, der das väterliche Tabakgeschäft übernommen hatte, suchte nach neuen Import- und Handelsmöglichkeiten, um die politisch unsicheren Bedingungen in Mittelamerika zu umgehen.
So ließ er durch seinen Partner Heinrich Vogelsang im Mai 1883 das Gebiet in der heutigen Lüderitz-Bucht kaufen. Bereits dabei zeigte sich, dass die Afrikaner durch das Erscheinen der Deutschen entrechtet wurden. Denn der bisherige Landeigner, der Nama-Häuptling Josef Frederick erhielt „200 alte Gewehre und 100 englische Pfund“ für ein Gebiet, das noch dazu ungenau definiert worden war: Während der Afrikaner von den englischen Meilen ausging, legte der Deutsche die weit größere deutsche Maßeinheit zugrunde, und die Proteste liefen ins Leere.
Unter dem Druck der kolonialfreundlichen Bevölkerung stellte Bismarck diesen Landstrich unter den Schutz des Deutschen Reiches, was Lüderitz sehr entgegenkam, weil er sich auf diese Weise bei weiteren Landnahmen vor den Ansprüchen der allgegenwärtigen Engländer sicher sah. So konnte Lüderitz nach und nach weitete Gebiete erwerben, bis sie schließlich das gesamte Land in Besitz hatten. 1890 gründeten sie die Feste Groß Windhuk und verlegten die Verwaltung dorthin. Daraus entstand später die heutige Hauptstadt.
Bis zur Jahrhundertwende zogen etwa 2.500 Deutsche nach Afrika, deren Zahl sich bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs um 9.000 erhöhte. Die ausländischen Einwohner wurden ganz gezielt dort angesiedelt. Sie lebten größtenteils von der Landwirtschaft – hier insbesondere von der Viehzucht. Um 1900 entdeckte man im Norden des Landes reiche Kupfervorkommen und im Süden sogar Diamanten. Selbstverständlich begannen die Deutschen sofort mit dem Abbau, wobei den Afrikanern der Zutritt zu den wertvollen Minen versperrt blieb.
Um den Transport der Bodenschätze gewährleisten zu können, wurden Eisenbahnlinien gebaut, die schließlich auf eine Länge von insgesamt 2.100 km anwuchsen. Daneben gab es aber auch immer noch die Ochsenkarren, da sich die importierten LKW für die sandigen Strecken als völlig ungeeignet erwiesen hatten. Die wertvollen Kupfer- und Diamantvorkommen sorgten für einen gewissen Wohlstand nicht nur im Deutsch-Südwestafrika, sondern auch im Heimatland. Allerdings ließen die Verwaltungsbeamten erhebliche Beträge in ihre eigenen Taschen fließen.
Überhaupt bewies Bismarck bei der Auswahl der Verantwortlichen in Übersee keine glückliche Hand. Immerhin schaffte es Gustav Nachtigall, 1884 mit den Nama einen Schutzvertrag abzuschließen, dem bei seinen Nachfolgern weitere mit anderen Stämmen folgen sollten. Insgesamt muss man aber festhalten, dass die Deutschen sehr undiszipliniert auftraten und eher das eigene Wohl als das des Deutschen Reichs oder gar Südwestafrikas verfolgten. Hinzu kam, dass es auch immer wieder mit der Deutschen Kolonialgesellschaft zu Kompetenzgerangel kam.
Das Jahr 1888 war der Anfang einer langen und teils sehr blutigen Auseinandersetzung. Es war zu Konflikten zwischen zwei afrikanischen Stämmen gekommen, nämlich den Witboois und den Herero. Nachdem diese vergeblich auf die im Schutzvertrag vereinbarten Verpflichtungen der Deutschen gehofft hatten, kündigten sie diesen Vertrag kurzerhand und entzogen ihren Herren damit auch das Schürfrecht.
Es lieg auf der Hand, dass die Deutschen sich das nicht gefallen lassen wollten. Aber erst massive Attacken und ein martialisches Auftreten schüchterten die Herero ein und zwangen sie zum Nachgeben. Allerdings war deren Streit mit den Witboois damit noch nicht beigelegt. Und es sollte noch bis 1894 dauern, bis es zu einem Schutzvertrag kam, der diesem Stamm ein eigenes, allerdings unter deutscher Aufsicht stehendes Territorium zusicherte. Im Vorfeld hatten sich die Deutschen wahrlich weder durch politischen Weitblick noch durch diplomatisches Geschick ausgezeichnet; und auch dieser Friedensschluss war nur durch Waffengewalt zustande gekommen.
Nachdem das Land zehn Jahre lang einigermaßen in Frieden gelebt hatte, brach 1904 der Herero-Aufstand aus. Der Grund dafür lag darin, dass dieser Stamm mehr und mehr von seinen Weidegründen vertrieben wurde, da die Deutschen verstärkt Ländereien für die eigenen Zwecke kauften. Damit war den Afrikanern die Grundlage ihrer Existenz entzogen. Es kam zu erbitterten Kämpfen, in deren Verlauf die deutsche Reichsregierung nicht nur die Kommandanten mehrfach auswechselte, sondern auch immer mehr an Soldaten, Waffen und Munition ins Land brachte.
Erst Generalleutnant Lothar von Trotha schaffte es 1904, die Aufständischen zu besiegen. Aber ihm genügte es nicht, zu siegen und zu einem Friedenschluss zu gelangen. Vielmehr verfolgte er die komplette Vernichtung des Herero-Stammes. Leider gelang sie ihm das auch nahezu vollständig; denn viele starben auf der Flucht mit ihren Familien, Verwundeten und den Herden im unwegsamen Gelände; die Überlebenden vernichtete von Trotha, indem er sie immer weiter in die Wüste zurückdrängte und dort verdursten ließ.
Kurz danach begehrten im Süden des Landes die Nama auf. Auch sie wurden nach vier Jahren aufreibender Kämpfe geschlagen und fast vollständig ausgerottet.
Die Zeit bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs war damit ausgefüllt, die marode und großenteils zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen. In diese Jahre fällt auch die Entdeckung der Diamantminen, was die Instandsetzung des Landes maßgeblich erleichterte. Zudem trug die Reichsregierung mit großen Summen dazu bei, dass die deutschen Siedler im Land bleiben konnten.
Im Januar 1909 schließlich billigte sie Südwest-Afrika die Selbstverwaltung zu.
Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs vermutete man in Südwest-Afrika zu Recht, dass die mit England verbündete Südafrikanische Union das Land angreifen werde. Diese war den Deutschen in allen Bereichen überlegen. So wurden die Deutschen nach heftigen Kämpfen an allen Fronten am 1. Juli 1915 endgültig geschlagen. Im danach folgenden Friedensschluss wenige Tage später erhielt die Südafrikanische Union die Rechte über die deutsche Schutztruppe.
Diese wurde großenteils interniert, und die meisten Deutschen mussten das Land verlassen. Der Versailler Vertrag beendete offiziell die Zeit der deutschen Kolonie Südwest-Afrika, die danach unter dem Schutz der Südafrikanischen Union stand.
In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu Konflikten, in die sich auch die Industrienationen einschalteten. Denn Südafrika dehnte seinen Einfluss mehr und mehr auf den nordwestlichen Nachbarn aus, wobei insbesondere die Apradheitspolitik Empörung hervorrief. Nach langem Ringen und zähen Verhandlungen erhielt das Land 1990 endlich seine Unabhängigkeit und heißt seither Namibia. Es wird demokratisch regiert.
Zwar zählt Namibia zu den reicheren Ländern Afrikas, aber dennoch herrschen hier große Armut und auch eine hohe Arbeitslosigkeit. Neben Viehzucht und dem Abbau der wertvollen Bodenschätze hat sich in den letzten Jahren der Tourismus zu einer bedeutenden Einnahmequelle entwickelt.
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Aktualisiert (Dienstag, den 04. Januar 2011 um 19:48 Uhr)
