Kiautschou
1898 schloss Deutschland mit dem Kaiserreich China einen Vertrag ab, der ihm den südwestlichen Teil der Halbinsel Shandong mit der späteren Hauptstadt Tsingtau für 99 Jahre zur Pacht überließ. Vorausgegangen waren verschiedene Expeditionen deutscher Forscher und auch Händler, die in dem bevölkerungsreichen Land gute Absatzmärkte vermuteten. Zugleich fühlte sich das Deutsche Reich mehr und mehr dazu berufen, seine Machtposition deutlich zu demonstrieren und seinen bedeutenden Einfluss möglichst in der ganzen Welt geltend zu machen.
Da Wilhelm II. mit Hochdruck am Aufbau einer starken Flotte arbeitete, die in Friedenszeiten neue Märkte und Handelswege erschließen und sie im Kriegsfall verteidigen sollte, kam ein Stützpunkt in China sehr gelegen. Verständlicherweise wollte sein chinesischer Gegenspieler nicht feiwillig ein Gebiet abtreten. Aber Deutschland nahm die Ermordung zweier deutscher Missionare in China im November 1897 zum Anlass für die Besetzung der Bucht. Angesichts der militärischen Überlegenheit gab China nach, und man einigte sich vertraglich darauf, dass Deutschland Kiautschou für 99 Jahre pachtete. Den Deutschen wurden sogar der Bau einer Eisenbahnlinie und der Kohleabbau entlang dieser Strecke gestattet, was sie durch eine geschickte Streckenführung zu ihrem Vorteil nutzten.
Anders als bei anderen deutschen Kolonien setzten die Herren in Kiautschou alles daran, dieses Gebiet zu einem Vorzeigeobjekt zu machen: Verwaltung, Infrastruktur und das gesamte öffentliche Leben sollten der Welt die Fähigkeiten des Deutschen Reichs vor Augen führen. Zügig betrieb man den Aufbau der Hauptstadt Tsingtau, die in einen europäischen und einen chinesischen Teil gegliedert war – jeweils im entsprechenden Baustil gehalten. Außerdem errichtete man einen Hafen mit Werft, einen Bahnhof und eine Kirche; selbstverständlich gab es auch Schulen und sogar eine Universität. Auch Fabriken wurden gebaut. Insgesamt entstand in kurzer Zeit eine Stadt mit allen notwendigen Einrichtungen, wobei auch das Militär nicht zu kurz kam.
Da Kiautschou hauptsächlich als Aushängeschild für die Kaiserliche Marine gedacht war, wurde die Kolonie dem Reichsmarineamt unterstellt. Der jeweilige Gouverneur, bei dem es sich grundsätzlich um einen Marineoffizier handelte, hatte die Aufgabe, die Wirtschaft nachhaltig zu fördern, was auch gut gelang. Die Einrichtung einer regelmäßigen Postdampferverbindung nach Shanghai fällt ebenso in diese Zeit wie der Anschluss des Gebiets an die Trabssibirische Eisenbahn, mit der Europäer innerhalb von 13 Tagen die Kolonie erreichen konnten. Die Brauerei Tsingtao existiert übrigens noch heute und produziert Bier nach deutscher Tradition.
Es liegt auf der Hand, dass alle diese Investitionen eine Menge Geld verschlangen, während sich die Einkünfte in recht bescheidenen Grenzen hielten. Vielleicht hätte sich dieses Missverhältnis im Laufe der Jahrzehnte noch verbessert, aber nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs war es mit dem deutschen Besitztum rasch vorbei. Zwar konnte man die heftigen Angriffe der Japaner und später der Alliierten einige Monate lang erfolgreich abwehren und sogar Blockaden überstehen, aber schließlich ging die Munition aus. Das führte dann zur endgültigen Kapitulation am 7. November 1914.
Kiautschou fiel zunächst an Japan, bis es 1922 an China zurückgegeben wurde. Die in Japan internierten deutschen Kriegsgefangenen erhielten ihre Freiheit teilweise erst 1920. Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags kam es in China zu heftigen Studentenprotesten, denen sich bald auch andere Schichten anschlossen. Sie hatten immerhin den Erfolg, dass China (wie übrigens auch die USA) den Vertrag nicht unterschrieb, sondern mit Deutschland einen eigenen Friedensschluss vereinbarte. Auf die chinesische Gesellschaft wirkten diese Demonstrationen so, dass man sich allmählich von dem westlichen Demokratieverständnis abwandte und zum Sozialismus überschwenkte.
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Aktualisiert (Dienstag, den 04. Januar 2011 um 19:47 Uhr)
